„Eigentlich müsste ich das Thema Gehalt im nächsten Jahresgespräch endlich einmal ansprechen.“ Diesen Satz höre ich in meinen Coachings regelmäßig – gerade von berufserfahrenen Kolleginnen. Sie haben in den vergangenen Jahren mehr Verantwortung übernommen, wichtige Mandate betreut, Projekte geleitet, Nachwuchsjuristen eingearbeitet, publiziert oder neue Mandanten gewonnen. Und trotzdem warten sie darauf, dass ihre Leistung irgendwann von selbst zu einer Gehaltserhöhung führt.
Auch ich kenne dieses Denken aus meiner eigenen Zeit als Anwältin. In den Jahren, in denen ich das Thema Gehalt proaktiv angesprochen habe, bekam ich zu meiner eigenen Überraschung häufig ziemlich genau die Erhöhung, die ich gefordert hatte. Es gab aber auch Jahre, in denen ich mich nicht getraut oder geglaubt habe: Mein Chef sieht doch, wie sehr ich mich engagiere. Das müsste doch automatisch honoriert werden. Heute weiß ich: Genau dieses Warten ist eine der größten Fallen bei der Gehaltsverhandlung als Juristin. In diesem Artikel zeige ich dir deshalb, warum Berufserfahrung allein nicht automatisch mehr Gehalt bringt, welche fünf Argumente bei Berufserfahrenen wirklich zählen und wie du dich auf Widerstände im Gespräch vorbereitest.
Gehaltsverhandlung als Juristin: Warum Warten keine Strategie ist
Ich nenne dieses Verhalten gern das Sterntaler-Syndrom. Wie im Märchen stehen wir da, halten die Hand auf und hoffen darauf, dass die Taler irgendwann vom Himmel fallen. Nur passiert das im Berufsleben selten. Viele berufserfahrene Juristinnen haben irgendwann eine Haltung entwickelt, die zunächst absolut nachvollziehbar klingt:
Ich leiste – also werde ich belohnt.
Die Partner in der Kanzlei sehen doch meine Mandate. Meine Führungskraft weiß doch, dass ich dieses wichtige Projekt erfolgreich abgeschlossen habe. Die Geschäftsleitung bekommt doch mit, welche Verantwortung ich mittlerweile trage.
Das Problem: Vorgesetzte nehmen deine Leistung längst nicht immer in dem Umfang wahr, wie du glaubst. Sie sind selbst mit Mandaten, Projekten, Budgets und Führungsaufgaben beschäftigt. Wenn du das Thema Gehalt nicht proaktiv ansprichst, kann daraus schnell die Annahme entstehen: Sie scheint mit ihrer aktuellen Vergütung zufrieden zu sein.
Deshalb gilt: Hoffnung ist keine Gehaltsstrategie.
Und noch etwas kommt hinzu: Mit jedem Jahr, in dem du nicht neu verhandelst, kann sich die Lücke vergrößern. Denn spätere Erhöhungen bauen auf dem Gehalt auf, das du heute verdienst.
Diese Podcastfolge 269 ist übrigens der Auftakt einer kleinen dreiteiligen Reihe rund ums Verhandeln. Heute geht es um die Gehaltsverhandlung als Juristin mit Berufserfahrung. In Folge 270 schauen wir gezielt auf das Einstiegsgehalt von Berufseinsteigerinnen und in Folge 271 auf das Honorar als Anwältin.

„Deine Leistung spricht nicht für sich. Du sprichst für deine Leistung.“
Berufserfahrung zahlt sich nicht automatisch aus
Ein Blick auf die von mir für diese Folge ausgewerteten Zahlen zeigt, warum es so wichtig ist, Gehalt nicht dem Zufall zu überlassen.
Der STAR-Bericht der Bundesrechtsanwaltskammer zum Wirtschaftsjahr 2024 weist sowohl bei angestellten Anwälten als auch bei Syndikusanwälten deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern aus. Bei angestellten Anwältinnen liegt das durchschnittliche Bruttojahreseinkommen laut Bericht bei rund 71.000 Euro, bei Anwälten bei rund 94.000 Euro. Selbst bei Vollzeitbeschäftigten bleibt die Differenz deutlich bestehen.
Natürlich erklären solche Durchschnittswerte nicht jede individuelle Gehaltssituation. Aber sie zeigen sehr deutlich: Berufserfahrung und gute Leistung allein sorgen nicht automatisch dafür, dass sich dein Gehalt entsprechend entwickelt. Entscheidend ist auch, wie sichtbar du bei den Menschen bist, die über deine Vergütung entscheiden – und wie klar du deinen eigenen Wert vertrittst.
Als Anwältin betrifft das beispielsweise die Partner, die deine Entwicklung und dein Gehalt beurteilen. Als Unternehmensjuristin oder Syndikusanwältin kann es um deine Sichtbarkeit bei der Geschäftsleitung und in den Fachabteilungen gehen, die dich intern beauftragen.
5 Argumente für deine Gehaltsverhandlung als Juristin
Im Gehaltsgespräch geht es nicht darum, was du persönlich brauchst. Es geht darum, welchen zusätzlichen Wert du für deine Kanzlei oder dein Unternehmen geschaffen hast. Genau deshalb solltest du deine Argumentation nicht auf allgemeinen Aussagen aufbauen, sondern auf konkreter Mehrleistung.
1. Mehr Leistung
Du hast im vergangenen Jahr mehr geleistet als zuvor? Dann mach das sichtbar – und zwar möglichst mit Zahlen, Daten und Fakten. Das können beispielsweise sein:
- zusätzliche oder besonders wichtige Mandate,
- ein höherer Umsatz,
- neu gewonnene Mandanten,
- erfolgreiche Projekte,
- schnellere oder effizientere Prozesse,
- eingesparte externe Kosten,
- Fachpublikationen oder Vorträge.
Je konkreter du deine Leistung beziffern kannst, desto stärker wird dein Argument.
2. Mehr Verantwortung
Vielleicht hast du ein strategisch wichtiges Projekt übernommen, ein besonderes Mandat betreut, ein Team aufgebaut oder zusätzliche Aufgaben übernommen. Auch das gehört in deine Gehaltsargumentation.
Viele Juristinnen nehmen zusätzliche Verantwortung irgendwann als selbstverständlich wahr. Genau das solltest du vermeiden. Was früher nicht zu deiner Rolle gehörte und heute selbstverständlich auf deinem Tisch liegt, ist ein guter Anlass, deine Vergütung neu zu betrachten.
3. Mehr Kompetenz
Hast du dir eine neue Spezialisierung aufgebaut? Einen Fachanwaltstitel erworben? Ein Themenfeld übernommen, das sonst niemand in deiner Kanzlei oder Rechtsabteilung abdeckt? Dann besitzt diese Kompetenz einen konkreten Marktwert.
Wichtig ist allerdings auch hier: Andere müssen davon wissen. Eine hochrelevante Spezialisierung, die weder intern noch extern sichtbar wird, entfaltet deutlich weniger Wirkung.
4. Mehr Führungsverantwortung
Du führst inzwischen mehr Mitarbeitende, verantwortest größere Budgets oder steuerst zusätzliche Mandate und Projekte? Dann hat sich deine Rolle verändert.
Größere Führungsspanne und Verantwortung sind deshalb ein starkes Argument für eine höhere Vergütung.
5. Positives Feedback
Auch Rückmeldungen anderer sind wertvolle Argumente. Wenn Mandant deine Arbeit ausdrücklich loben, Fachabteilungen deine Unterstützung hervorheben oder andere Führungskräfte positives Feedback geben, lass diese Aussagen nicht einfach im E-Mail-Postfach verschwinden. Mach sie sichtbar. Und greife sie im Gehaltsgespräch gezielt wieder auf.
Der entscheidende Punkt hinter allen fünf Argumenten lautet: Fordere mehr Gehalt für das Mehr, das du bereits leistest.

„Entscheidend ist, wie sichtbar du bei den Menschen bist, die über deine Vergütung entscheiden, und wie klar du deinen Wert vertrittst.“
Drei Argumente, die du besser weglässt
Mindestens genauso wichtig wie gute Argumente ist die Frage, was du nicht sagen solltest.
Private Gründe
„Wir haben gerade gebaut.“
„Alles ist teurer geworden.“
„Wir haben unser zweites Kind bekommen.“
All das kann für dich persönlich sehr relevant sein. Für deine Vergütung ist es aber kein Leistungsargument. Im beruflichen Umfeld wird nicht dein persönlicher Finanzbedarf vergütet, sondern der Wert deiner Arbeit.
Vergleiche und Überstunden
Auch Aussagen wie „Mein Kollege verdient aber mehr“ oder „Ich mache so viele Überstunden“ sind meist wenig hilfreich. Sie verschieben die Diskussion von deinem Wert hin zu anderen Personen oder zu deiner Arbeitsorganisation.
Viel stärker ist: Was hast du zusätzlich erreicht?
Jammern
Jammern erzeugt vielleicht Mitgefühl, aber selten eine bessere Verhandlungsposition. Bleib sachlich, präzise und konzentriere dich auf deine Leistung. Frag dich deshalb vor deinem nächsten Gespräch:
Welche Mehrleistung erbringe ich seit Monaten, die ich bislang noch nicht ausreichend sichtbar gemacht habe?

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Gute Vorbereitung ist mehr als die halbe Miete
Eine gute Gehaltsverhandlung als Juristin beginnt nicht erst in dem Moment, in dem du deiner Führungskraft gegenübersitzt. Sie beginnt Monate vorher.
Halte deine Erfolge laufend fest
Ich hatte während meiner Zeit als Anwältin einen Wochenkalender auf meinem Schreibtisch. Dort habe ich mir wichtige Mandate, Projekte, Publikationen und andere Erfolge notiert. Vor dem Jahresgespräch bin ich diese Notizen durchgegangen und hatte damit meine wichtigsten Argumente sofort griffbereit.
Du kannst dafür heute genauso gut eine digitale Liste oder ein Dokument nutzen. Entscheidend ist, dass du nicht am Abend vor dem Gespräch verzweifelt versuchst, dich daran zu erinnern, was du in den vergangenen zwölf Monaten eigentlich alles geleistet hast.
Kenne deinen Marktwert
Nutze Gehaltsreports, dein berufliches Netzwerk und Gespräche mit Kolleg oder Mentorinnen. Je besser du weißt, welche Vergütung für deine Rolle, Berufserfahrung, Kanzleigröße, Branche und Region realistisch ist, desto sicherer kannst du deine Forderung vertreten.
Wähle den richtigen Zeitpunkt
Warte nicht, bis das Budget für das kommende Jahr längst feststeht. Wenn es keine festen Jahresgespräche gibt, vereinbare selbst einen Termin. Und wenn du gerade einen besonderen Erfolg erzielt hast, kann auch das ein guter Zeitpunkt sein.
Bitte besprich deine Gehaltsforderung nicht zwischen Tür und Angel.
Bring eine konkrete Zahl mit
Überlege dir im Vorfeld, was du fordern möchtest. Und nenne im Gespräch einen Betrag oder einen konkreten Prozentsatz – keine breite Spanne. Meine Erfahrung ist: Wer eine Spanne nennt, landet häufig am unteren Ende.
Bereite dich auf Einwände vor
- „Dafür haben wir gerade kein Budget.“
- „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt.“
- „Das liegt über unserem üblichen Gehaltsband.“
Wenn du diese Sätze schon vor dem Gespräch einmal durchgespielt hast, bringen sie dich deutlich weniger aus dem Konzept.
Ein Nein ist der Anfang der Verhandlung
Einer der wichtigsten Perspektivwechsel dieser Folge lautet für mich:
Ein Nein ist kein Urteil. Es ist der Anfang der Verhandlung.
Ich habe selbst erlebt, dass eine Gehaltserhöhung zunächst abgelehnt wurde. Statt die Sache damit für ein weiteres Jahr zu begraben, habe ich einen neuen Termin in sechs Monaten vereinbart. Zu diesem Zeitpunkt war das Argument, das meiner Forderung zunächst entgegenstand, nicht mehr relevant.
Genau so kannst du vorgehen. Frag beispielsweise: „Was muss konkret passieren, damit die von mir gewünschte Anpassung möglich wird?“ Oder: „Wann setzen wir uns dazu erneut zusammen?“
Passe deine Argumentation außerdem an dein Gegenüber an. Ein sehr zahlenorientierter Mensch braucht Zahlen und Fakten. Eine Führungskraft, die stärker über Beziehungen und Vertrauen entscheidet, benötigt möglicherweise einen anderen Zugang.
Und überlege dir deinen eigenen Walk-away-Punkt: Was ist deine äußerste Grenze? Welche Alternative hast du, wenn sich trotz deiner Leistung und trotz mehrerer Gespräche dauerhaft nichts bewegt?
Dabei muss Verhandlung übrigens nicht immer nur Grundgehalt bedeuten. Vielleicht sind für dich zusätzlich interessant:
- mehr Urlaubstage,
- Weiterbildungszeit,
- eine bestimmte Fortbildung,
- ein Bonus,
- ein Titel,
- zusätzliche Verantwortung oder andere Benefits.
Ich habe selbst einmal fünf zusätzliche Tage für Weiterbildung verhandelt, nachdem mehr Gehalt nicht möglich war. Diese freien Tage waren für mich in diesem Jahr deutlich wertvoller als ein kleiner zusätzlicher Monatsbetrag.
„Ein Nein ist kein Urteil. Es ist der Anfang der Verhandlung.“
Fazit: Deine Leistung spricht nicht für sich
Das Sterntaler-Syndrom kostet dich mit jedem Jahr mehr. Du kannst hervorragende Arbeit leisten, zusätzliche Verantwortung übernehmen und fachlich längst auf einem anderen Niveau arbeiten als noch vor einigen Jahren. Wenn du darauf wartest, dass daraus automatisch eine Gehaltserhöhung entsteht, überlässt du einen wichtigen Teil deiner Karriere anderen.
Genau deshalb gehört die Gehaltsverhandlung als Juristin zu deinem Selbstmarketing. Nicht, weil du dich größer darstellen sollst, als du bist. Sondern weil du dafür sorgen musst, dass deine tatsächliche Leistung, dein Wert und deine Entwicklung dort sichtbar werden, wo über deine Vergütung entschieden wird.
Bereite dich vor. Sammle deine Erfolge. Kenne deinen Marktwert. Geh mit einer konkreten Forderung ins Gespräch. Und wenn du ein Nein hörst, frag nach, was für ein Ja passieren muss.
Mein Umsetzungstipp für dich: Gibt es in deiner Kanzlei oder deinem Unternehmen keinen festen Termin für ein Jahres- oder Personalgespräch? Dann warte nicht darauf, eingeladen zu werden. Schreib deiner Führungskraft selbst und schlag einen Termin vor. Wenn dein Termin bereits steht, blockiere dir jetzt eine Stunde ungefähr zwei Wochen vorher, um deine Argumentation vorzubereiten.
Und wenn du dein nächstes Gehaltsgespräch nicht allein vorbereiten möchtest, können wir in einem kostenfreien 1:1-Karriere-Info-Call gemeinsam auf deine Situation und deinen nächsten Schritt schauen: ➡️ https://anja-schaefer.eu/info-call
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Die Erfolgstipps: So gehst du deine Gehaltsverhandlung als Juristin an
In der Podcastfolge 268 erfährst du praxisnahe Tipps, wie du als berufserfahrene Juristin deinen Wert klarer vertrittst und dein nächstes Gehaltsgespräch strategisch vorbereitest.
Hier meine drei wichtigsten Tipps für dich:
✅ Mach deine Mehrleistung sichtbar. Sammle konkrete Erfolge, zusätzliche Verantwortung und positives Feedback und belege deine Argumente möglichst mit Zahlen und Fakten.
✅ Geh mit einer klaren Forderung ins Gespräch. Kenne deinen Marktwert, wähle den richtigen Zeitpunkt und lege vorher fest, welchen Betrag oder Prozentsatz du fordern möchtest.
✅ Verstehe ein Nein als Verhandlungsbeginn. Frag nach konkreten Voraussetzungen, vereinbare einen Folgetermin und prüfe gegebenenfalls Alternativen zum Grundgehalt.
Weitere (Hör-)Tipps
- Folge 262: Wer gut ist, wird gesehen?
- Folge 243: Fachpublikationen auf LinkedIn
- Folge 179: Die 3 Erfolgsfaktoren, um als ambitionierte Juristin Karriere zu machen
- Blogbeitrag Wovon dein Gehalt als Juristin wirklich abhängt
- STAR-Bericht der BRAK zum Wirtschaftsjahr 2024
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