„Kann ich mich in den ersten drei Berufsjahren überhaupt schon als Expertin sehen?“ Und: „Was ist, wenn mir noch die klassischen Beweise für meine Expertise fehlen?“ Genau diese beiden Fragen haben mir Teilnehmerinnen meiner Karriere-Powerworkshops gestellt – und sie stehen stellvertretend für eine Unsicherheit, die ich bei vielen Juristinnen erlebe. Gerade am Anfang der beruflichen Laufbahn scheint der Expertinnenstatus oft etwas zu sein, das man sich erst verdienen muss: mit Jahren an Berufserfahrung, abgeschlossenen Mandaten, einer Promotion, einem LL.M., einem Fachanwaltstitel oder anderen sichtbaren Nachweisen.
Ich kenne dieses Gefühl selbst sehr gut. Als ich in den Anwaltsberuf gestartet bin, hatte mein damaliger Chef bereits rund 30 Jahre Berufserfahrung. Ich war promoviert, hatte schon vor meinem Berufseinstieg ein externes Gutachten zu meinem Dissertationsthema verfasst und wurde zu genau diesem Themengebiet angefragt. Trotzdem habe ich mich lange nicht als Expertin verstanden. Rückblickend weiß ich: Das hat mich Sichtbarkeit und berufliche Chancen gekostet. Genau deshalb geht es in dieser Folge darum, wie du von der Juristin zur Expertin wirst, ohne darauf zu warten, dass dir irgendwann ein Titel oder eine bestimmte Zahl an Berufsjahren die offizielle Erlaubnis dafür gibt.
Von der Juristin zur Expertin: Warum klassische „Beweise“ die falsche Messlatte sind
Viele Juristinnen glauben, Expertise lasse sich an einer klaren Schwelle festmachen: fünf Jahre Berufserfahrung, ein Fachanwaltstitel, eine bestimmte Anzahl gewonnener Verfahren oder die nächste Beförderung. Doch dein Expertinnenstatus funktioniert nicht so.
Er ist eine Momentaufnahme aus zwei Perspektiven:
- Wo stehe ich heute?
- Wo möchte ich fachlich und beruflich hin?
Natürlich baust du gerade in den ersten Berufsjahren erst viel Expertise auf. Du lernst aus Mandaten, Projekten, Gesprächen und praktischer Erfahrung. Doch das bedeutet nicht, dass du bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ausschließlich „Berufseinsteigerin“ bist und erst danach plötzlich zur Expertin wirst. Expertise entsteht Schritt für Schritt. Und genau diesen Weg darfst du bereits für deine Positionierung nutzen.
Besonders problematisch wird es, wenn du auf Nachweise wartest, auf deren Zeitpunkt du selbst kaum Einfluss hast. Das habe ich an meinem eigenen Fachanwaltstitel erlebt. Den Lehrgang hatte ich vergleichsweise früh absolviert. Für die Zulassung fehlten mir jedoch noch die entsprechenden Fälle. Ein Kollege war ein Jahr früher dran und musste zunächst seine Liste füllen. Mein Fachanwaltstitel kam deshalb erst im vierten oder fünften Berufsjahr.
In meinem Kopf lief trotzdem jahrelang der Satz:
„Wenn ich den Fachanwaltstitel habe, dann bin ich Expertin.“
Dabei war ich fachlich längst viel weiter. Ich hatte promoviert, ein Gutachten für ein großes Unternehmen geschrieben und wurde bereits zu meinem Themengebiet angefragt. Der Titel hat meine Expertise nicht erschaffen. Er hat lediglich dazu geführt, dass ich selbst begonnen habe, sie ernst zu nehmen und sichtbar zu machen.
Das ist für mich heute eine der wichtigsten Botschaften auf dem Weg von der Juristin zur Expertin: Warte nicht auf einen Beweis, den du längst nicht mehr brauchst, um deine vorhandene Expertise zu benennen.

„Du brauchst nicht erst den Fachanwaltstitel, um dich als Expertin zu verstehen, sondern du kannst bereits auch den Kurs bzw. die Kurszeit (und die folgende Wartezeit bis zur Titelverleihung) für deine Expertinnenpositionierung nutzen.“
Expertin sein reicht nicht – andere müssen dich auch so wahrnehmen
Wenn ich Teilnehmerinnen meiner Karriere-Powerworkshops frage, welche Faktoren aus ihrer Sicht beruflichen Erfolg Eine Erkenntnis aus meinem „Juristinnen machen Karriere!“ Bootcamp bringt dieses Problem sehr gut auf den Punkt:
Wenn du Expertin für ein bestimmtes Thema bist, dich aber nicht als solche positionierst, brauchst du dich nicht zu wundern, wenn andere dich nicht als Expertin wahrnehmen oder weiterempfehlen.
Genau das habe ich selbst erlebt. Ich glaubte lange, meine Leistung würde für mich sprechen. Doch Leistung spricht eben nicht automatisch. Wenn ich meine Expertise nicht benenne, sie nicht in Gesprächen einbringe und meinem Netzwerk nicht deutlich mache, wofür ich stehe, können andere diese Verbindung zu mir auch nicht herstellen.
Dann geht die Vortragsanfrage möglicherweise an einen Kollegen, der zu diesem Thema deutlich weniger tief arbeitet als du. Oder beim nächsten passenden Mandat denkt niemand an dich – schlicht deshalb, weil niemand weiß, dass genau dieses Thema dein Spezialgebiet ist. Das ist keine Frage von Lautstärke oder Selbstdarstellung. Es geht darum, ein realistisches Bild deiner Kompetenz zu vermitteln.
Ein Beispiel dafür habe ich schon als Studentin erlebt. Für ein Auslandsstipendium musste ich meine Polnischkenntnisse selbst einschätzen. Auf einer gedachten Skala von eins bis zehn hätte ich mich realistisch wahrscheinlich bei einer Drei einordnen können. Angegeben hätte ich damals eher eine Eins oder 1,5. Später saß ich sechs Jahre selbst in der Auswahlkommission dieser Stipendienorganisation und sah das gleiche Muster immer wieder: Frauen schätzten ihre Sprachkenntnisse regelmäßig deutlich niedriger ein, während männliche Bewerber häufig wesentlich großzügiger mit sich waren.
Mein Learning daraus: Wenn du beim Sprechen über deine Expertise denkst „Das ist jetzt vielleicht schon ein bisschen too much“, kann genau das der Moment sein, in dem deine Selbsteinschätzung gerade erst realistisch wird.

„Wenn du die Expertin für ein bestimmtes Thema bist, aber nicht als solche auftrittst, brauchst du dich nicht zu wundern, wenn andere dich nicht als solche wahrnehmen und weiterempfehlen.“
Drei Stellschrauben auf deinem Weg von der Juristin zur Expertin
Wie kannst du jetzt konkret dafür sorgen, dass du nicht noch mehrere Jahre „unter dem Radar“ läufst? Diese drei Stellschrauben helfen dir dabei.
1. Verstehe Expertise als Prozess – nicht als Fixpunkt
Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem du plötzlich „fertig“ als Expertin bist. Dein Wissen entwickelt sich genauso weiter wie deine berufliche Rolle. Schau deshalb nicht nur darauf, was dir noch fehlt. Schau regelmäßig zurück und frage dich:
Was kann ich heute, was ich vor sechs Monaten noch nicht konnte?
Vielleicht hast du über mehrere Monate an einem komplexen Projekt gearbeitet. Vielleicht hast du ein bestimmtes Mandat intensiv begleitet, an einer internen Arbeitsgruppe mitgewirkt oder dich in ein neues Rechtsgebiet eingearbeitet. All das ist Expertise.
Der Weg von der Juristin zur Expertin beginnt deshalb nicht erst mit dem nächsten Zertifikat, sondern damit, dass du deine tatsächliche Entwicklung wahrnimmst und benennen kannst.
2. Lass Persönlichkeit ebenso zählen wie Titel
Gerade am Anfang deiner Karriere fehlt dir zwangsläufig die Berufserfahrung einer Kollegin, die seit 15 Jahren im Geschäft ist. Das ist weder überraschend noch problematisch.
Dafür bringst du andere Qualitäten mit. Vielleicht schätzen Mandant:innen deine klare Kommunikation. Vielleicht bist du besonders zuverlässig, strukturiert, lösungsorientiert oder kannst komplexe Zusammenhänge verständlich erklären. Vielleicht hast du eine ungewöhnliche fachliche Kombination oder besondere Branchenkenntnisse. Das sind keine Nebensächlichkeiten. Sie sind Teil deiner Positionierung.
Gerade juristische Dienstleistungen sind nicht greifbar wie ein Produkt im Laden. Menschen müssen darauf vertrauen, dass du sie kompetent berätst. Deshalb spielt deine Persönlichkeit eine entscheidende Rolle dabei, wie du wahrgenommen und weiterempfohlen wirst.
Frag dich: Welche Rückmeldung habe ich in letzter Zeit bekommen, die eigentlich längst Teil meiner Expertinnenpositionierung sein könnte?
Und übrigens: Auch wenn du eher breit aufgestellt bist, etwa als Unternehmensjuristin, musst du daraus keinen Nachteil machen. Vielseitigkeit kann selbst dein Alleinstellungsmerkmal sein.

3. Nutze kleine Alltagsmomente für deine Sichtbarkeit
Sichtbarkeit beginnt nicht erst mit einem großen Fachvortrag, einer Publikation oder zehn erfolgreich abgeschlossenen Mandaten. Sie entsteht in vielen kleinen Situationen:
- im Gespräch mit Kolleg:innen,
- im Meeting,
- im Austausch mit Mandant:innen,
- beim Networking,
- in einem LinkedIn-Kommentar,
- bei der Antwort auf die Frage: „Was machst du eigentlich genau?“
Achte darauf, wie du dort über deine Arbeit sprichst. Sagst du: „Ich mache da so ein bisschen …“ oder: „Damit kenne ich mich noch nicht so richtig aus …“ obwohl du dich bereits seit Monaten intensiv mit dem Thema beschäftigst? Dann machst du dich möglicherweise kleiner, als es deiner tatsächlichen Erfahrung entspricht.
Der Schritt von der Juristin zur Expertin findet deshalb nicht nur auf deinem LinkedIn-Profil statt. Er zeigt sich in deiner Sprache und in deinem alltäglichen Auftreten.
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Fazit: Von der Juristin zur Expertin beginnt mit deinem eigenen Selbstverständnis
Du brauchst keine bestimmte Anzahl an Berufsjahren, keinen Fachanwaltstitel und auch keine lange Liste spektakulärer Mandate, bevor du beginnen darfst, deine Expertise sichtbar zu machen.
Natürlich musst du fachlich sauber bleiben. Es geht nicht darum, Fähigkeiten vorzugeben, die du nicht besitzt. Es geht darum, das, was bereits da ist, nicht länger kleinzureden.
Ich habe selbst mehrere Jahre damit gewartet, mich sichtbar als Expertin zu positionieren – obwohl die fachlichen Grundlagen längst vorhanden waren. Heute würde ich das anders machen. Ich würde den Prozess selbst nutzen: zeigen, woran ich arbeite, wofür ich stehe und welche Expertise ich gerade weiter aufbaue.
Denn je länger du wartest, desto länger bleibst du für andere unsichtbar.
Expertin wirst du nicht durch einen Titel – sondern in dem Moment, in dem du aufhörst, auf ihn zu warten.
Mein Umsetzungstipp für dich: Nimm dir heute fünf Minuten und schreibe einen Satz auf, der dich bislang ausgebremst hat. Vielleicht lautet er: „Ich habe noch nicht genug Berufserfahrung.“ Oder: „Ich brauche erst den Fachanwaltstitel.“
Dann formuliere ihn neu: „Ich habe in den vergangenen Monaten intensiv an [Thema/Projekt] gearbeitet und bringe daraus bereits konkrete Expertise mit.“
Und genau diesen Satz nutzt du in den nächsten Tagen bewusst – im Gespräch, beim Networking oder auf LinkedIn. So beginnt dein Weg Von der Juristin zur Expertin nicht irgendwann, sondern heute.
Du machst den Unterschied. Wenn nicht du, wer dann?

„Expertin wirst du nicht durch einen Titel – sondern in dem Moment, in dem du aufhörst, auf ihn zu warten.“
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Die Erfolgstipps: So positionierst du deine Expertise schon heute
In der Podcastfolge 265 erfährst du praxisnahe Tipps, wie du deinen Expertinnenstatus früher erkennst und für deine Sichtbarkeit nutzt.
Hier meine drei wichtigsten Impulse:
✅ Betrachte Expertise als Entwicklung. Frag dich regelmäßig, welches Wissen und welche Erfahrung du in den vergangenen Monaten aufgebaut hast – und was davon du bislang noch gar nicht als Expertise wahrgenommen hast.
✅ Mach deine persönlichen Qualitäten sichtbar. Nicht nur Titel und Berufsjahre entscheiden darüber, ob andere dich als kompetent erleben. Gerade am Anfang deiner Karriere können Persönlichkeit, Verlässlichkeit und deine Art zu kommunizieren wichtige Positionierungsmerkmale sein.
✅ Warte nicht auf den großen Beweis. Nutze Meetings, Gespräche, LinkedIn und Networking bewusst dafür, deine vorhandene Expertise klar zu benennen – ohne sie durch Relativierungen sofort wieder kleinzumachen.
Weitere (Hör-)Tipps
- Folge 263: Perfect is too late! – 3 Erfolgsbremsen für Juristinnen, die dich von deinem nächsten Karriereziel abhalten
- Folge 252: Bist du wirklich eine Hochstaplerin? Warum du deinen Erfolg kleinredest
- Folge 232: Generalistin aus Überzeugung: Wie du deine Vielseitigkeit als Alleinstellungsmerkmal nutzt
- Folge 195: Auf dem Weg in die Expert:innenliga mit der “Juristinnen machen Karriere! Methode”
- Folge 192: Von der Senior Associate zur Counsel – Interview mit Dr. Karen Frehmel-Kück
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