Da meldet sich plötzlich eine Person bei dir, mit der die Zusammenarbeit früher alles andere als angenehm war. Vielleicht geht es um eine Mandatsanfrage, eine Empfehlung oder ein gemeinsames Projekt. Objektiv betrachtet ist die Anfrage interessant – vielleicht sogar attraktiv. Und trotzdem meldet sich sofort dieses mulmige Gefühl: Will ich mit diesen aus deiner Perspektive schwierigen Ex-Kolleginnen (und natürlich auch -Kollegen) wirklich wieder zusammenarbeiten?
Genau diese Frage begegnete mir in einem meiner Workshops. Eine Kollegin, die inzwischen selbstständig als Anwältin arbeitet, bekam über ihr früheres Kanzleiumfeld eine Anfrage von einem ehemaligen Kollegen, mit dem die Zusammenarbeit damals schwierig gewesen war. Die Situation brachte sie ins Grübeln: Wie gehe ich heute mit schwierigen Kolleginnen oder Kollegen aus meiner beruflichen Vergangenheit um? Kontakt halten, eine neue Zusammenarbeit wagen oder lieber einen klaren Cut machen?
Die entscheidende Antwort liegt aus meiner Sicht weniger in der Vergangenheit als in deiner heutigen Situation. Denn du bist nicht mehr dieselbe Person, die du vor fünf oder zehn Jahren warst. Deine Position, dein Standing und deine Ziele haben sich verändert. In diesem Artikel zur Podcastfolge #264 zeige ich dir deshalb, welchen Perspektivwechsel du bei solchen Kontakten brauchst, mit welchen drei Fragen du eine Anfrage nüchtern einordnest und wie du klare Grenzen setzt, ohne unprofessionell zu wirken.
Schwierige Kolleginnen heute neu betrachten: Dein Verhältnis hat sich verändert
Wenn du an eine frühere Kanzlei, ein Unternehmen oder ein anderes berufliches Umfeld zurückdenkst, erinnerst du dich vielleicht an Menschen, mit denen es einfach nicht „geschwungen“ hat. Möglicherweise gab es Konkurrenz, Konflikte oder Situationen, in denen du dich nicht fair behandelt gefühlt hast.
Was wir dabei leicht vergessen: Der damalige Kontext existiert heute möglicherweise gar nicht mehr.
Solange ihr in derselben Kanzlei oder demselben Unternehmen gearbeitet habt, wart ihr unter Umständen Konkurrent – um spannende Mandate, Sichtbarkeit, Anerkennung, Beförderungen oder die Aufmerksamkeit wichtiger Entscheidungsträger. Genau dieser Wettbewerb kann Beziehungen prägen und dazu führen, dass Menschen anders miteinander umgehen, als sie es außerhalb dieses Settings tun würden.
Wenn du heute in einer anderen Kanzlei arbeitest, eine neue Position innehast oder selbstständig bist, sieht die Situation anders aus. Du bist keine interne Konkurrentin mehr. Vielleicht wirst du inzwischen als externe Expertin oder sogar als potenzielle Kooperationspartnerin wahrgenommen.
Hinzu kommt: Auch du selbst hast dich weiterentwickelt. Du bist berufserfahrener, hast ein anderes Standing und trittst womöglich deutlich klarer auf als damals.
Deshalb gefällt mir in diesem Zusammenhang ein etwas zugespitzter Gedanke:
Was interessiert mich mein Schnee von gestern?
Das bedeutet nicht, schlechte Erfahrungen kleinzureden oder zu vergessen. Es bedeutet vielmehr, dir zu erlauben, eine heutige Situation auch heute zu bewerten – statt automatisch die Entscheidung zu treffen, die du vor vielen Jahren getroffen hättest.
Du musst nicht so bleiben, wie du früher warst. Und du musst schwierige Kolleginnen nicht heute noch genauso bewerten, wie du sie aus einer vollkommen anderen beruflichen Konstellation kennst.
„Ganz im Sinne von „Was interessiert mich mein Schnee von gestern?“ Du darfst dich heute neu bzw. anders entscheiden. Denn du musst nicht so bleiben, wie du früher warst.“
Drei Fragen, bevor du dich für oder gegen eine Zusammenarbeit entscheidest
Gerade wenn alte Emotionen hochkommen, ist die Versuchung groß, eine Anfrage sehr schnell aus dem Bauch heraus zu beantworten.
„Mit der Person? Niemals.“
Oder umgekehrt:
„Das Mandat ist finanziell attraktiv, also sollte ich wohl zusagen.“
Beides greift zu kurz. Ich bin ein großer Fan davon, Networking strategisch und zielfokussiert anzugehen. Deshalb empfehle ich dir bei einer solchen Anfrage drei einfache Fragen.
1. Was will ich?
Beginne bei dir und deinem aktuellen Ziel.
Was möchtest du beruflich erreichen? Welche Art von Mandaten möchtest du bearbeiten? Welche Expertise möchtest du ausbauen? Welche Menschen sollen Teil deines Netzwerks sein? Welche Kooperationen passen zu deiner Positionierung?
Je klarer dein Ziel ist, desto leichter wird die Entscheidung.
Es geht also nicht darum, ob die andere Person eine zweite Chance „verdient“. Das wäre wieder eine Bewertung aus der Vergangenheit. Entscheidend ist vielmehr: Passt diese Anfrage zu dem, was ich heute erreichen möchte?
2. Was oder wen brauche ich dafür?
Im zweiten Schritt fragst du dich, welche Ressourcen, Kontakte und Menschen dich bei deinem Ziel unterstützen.
Vielleicht bringt dir genau diese Kooperation Zugang zu einem neuen Themenfeld, zu spannenden Mandant oder zu einem Netzwerk, das für deine weitere Entwicklung interessant ist.
Vielleicht aber auch nicht.
Dann ist die bloße Tatsache, dass eine Anfrage interessant klingt oder gut bezahlt ist, kein ausreichender Grund für ein Ja.
3. Hilft mir dieser Kontakt dabei, mein Ziel zu erreichen?
Jetzt bringst du beide Perspektiven zusammen.
Zahlt die Anfrage konkret auf dein Ziel ein? Unterstützt die Zusammenarbeit deine Positionierung? Passt sie zu deinem Netzwerk? Oder kostet sie vor allem Zeit, Energie und Nerven?
Wenn deine Antwort Nein lautet, darf auch deine Antwort auf die Anfrage Nein lauten.
Das gilt selbst dann, wenn sie auf dem Papier attraktiv aussieht.
Bei schwierigen Ex.Kolleginnen und Kollegen lohnt es sich also besonders, die Entscheidung aus der Gegenwart heraus zu treffen: nicht aus alter Verletzung – aber genauso wenig aus Pflichtgefühl.

Klare Grenzen setzen – professionell und souverän
Eine neue Perspektive bedeutet nicht automatisch, dass du wieder mit jemandem zusammenarbeiten musst.
Vielleicht prüfst du die Situation ganz nüchtern und kommst zu dem Ergebnis: Nein, das möchte ich nicht.
Dann darfst du diese Grenze klar kommunizieren.
Gerade aus einer neuen beruflichen Rolle heraus kannst du Grenzen häufig viel anders setzen als früher. Du bist nicht mehr auf tägliche Zusammenarbeit angewiesen, musst keine internen Hierarchien beachten und bist nicht gezwungen, dich auf dieselben Dynamiken einzulassen.
Ein Nein muss dabei weder hart noch unhöflich sein.
Zum Beispiel:
„Vielen Dank für die Anfrage. Ich habe mich inzwischen fachlich weiterentwickelt und das Thema passt aktuell nicht mehr in mein Portfolio. Sollte mir jemand einfallen, für den die Anfrage gut passen könnte, melde ich mich gern.“
Freundlich. Klar. Professionell.
Und vor allem besser, als eine Anfrage über Wochen hinauszuzögern, weil du dich vor einer klaren Antwort drückst.
Dabei gilt ein Gedanke, den ich sehr wichtig finde:
Ein Nein zu jemand anderem kann gleichzeitig ein Ja zu dir sein.
Ein Ja zu deinen Zielen. Zu deinen Bedürfnissen. Zu deiner Energie. Und zu deiner Entscheidung darüber, mit welchen Menschen du künftig zusammenarbeiten möchtest.

„Ein Nein zu jemand anderem kann gleichzeitig ein Ja zu dir sein“
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Der Energie-Check: Nicht jede attraktive Anfrage ist es wert
Neben deinen strategischen Zielen gibt es noch eine weitere Ressource, die du unbedingt berücksichtigen solltest: deine Energie.
Nicht jedes gut bezahlte Mandat ist ein gutes Mandat.
Wenn dich bereits der Gedanke an die Zusammenarbeit unter Druck setzt, wenn du Bauchschmerzen bekommst oder weißt, dass dich die Konstellation dauerhaft Energie kosten wird, solltest du das ernst nehmen.
Dein Energielevel ist begrenzt.
Natürlich gibt es im Berufsleben Situationen, die herausfordernd sind. Nicht jede schwierige Aufgabe und nicht jeder anstrengende Mensch muss deshalb gemieden werden. Entscheidend ist aber die Verhältnismäßigkeit.
Frag dich: Was bringt mir diese Zusammenarbeit – und was kostet sie mich?
Eine Anfrage kann finanziell attraktiv sein und sich trotzdem langfristig nicht lohnen, wenn sie dir so viel Kraft raubt, dass andere wichtige Themen darunter leiden.
Gerade bei schwierigen Ex-Kolleginnen bzw. Kollegen lohnt sich dieser Energie-Check besonders. Denn alte Dynamiken können schneller wieder aktiviert werden, als uns manchmal lieb ist.

Kontakt halten heißt nicht automatisch zusammenarbeiten
Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Entscheidung muss nicht immer „enge Zusammenarbeit oder kompletter Cut“ lauten.
Dazwischen gibt es viele Abstufungen.
Du kannst beispielsweise auf LinkedIn verbunden bleiben. Vielleicht begegnet ihr euch gelegentlich bei Netzwerkveranstaltungen. Vielleicht trinkt ihr irgendwann einmal einen Kaffee. Vielleicht entstehen in einigen Jahren neue gemeinsame Anknüpfungspunkte.
Das kostet dich zunächst kaum etwas und hält die Tür offen.
Du entscheidest selbst, wie viel Zeit und Energie du investierst.
Ein LinkedIn-Kontakt ist etwas anderes als ein einstündiges Treffen. Ein Kaffee ist etwas anderes als ein gemeinsames Mandat. Und eine Empfehlung ist etwas anderes als eine langfristige Kooperation.
Genau deshalb musst du schwierige Kolleginnen nicht automatisch komplett aus deinem Netzwerk streichen. Aber genauso wenig musst du ihnen wieder Raum in deinem Berufsalltag geben, nur weil eine neue Anfrage kommt.
Du entscheidest bewusst, welche Beziehungsebene heute zu dir passt.
„Wir schauen viel zu oft auf die Menschen, die nicht mit uns schwingen – und zu selten auf die, die es tun.“
Sieh die Anfrage auch als Networking-Erfolg
Zum Schluss noch ein Gedanke, der die Situation vielleicht etwas entspannt.
Bevor du dich über die Person ärgerst, die sich bei dir meldet, freu dich zunächst darüber, dass sie überhaupt an dich gedacht hat.
Eine solche Anfrage ist im Kern eine Empfehlung oder zumindest ein Vertrauensbeweis. Vielleicht hat sogar jemand Drittes deinen Namen ins Spiel gebracht. Und niemand empfiehlt leichtfertig eine Person, der er oder sie die Aufgabe nicht zutraut – schließlich fällt eine schlechte Empfehlung auch auf die empfehlende Person zurück.
Du darfst die Anfrage deshalb zunächst als das sehen, was sie ebenfalls ist: ein Erfolg deines Netzwerks und deiner Sichtbarkeit.
Was du anschließend daraus machst, bleibt deine Entscheidung.
Fazit: Du darfst dich heute neu entscheiden
Der Umgang mit schwierigen Kolleginnen aus der Vergangenheit ist selten eine reine Networking-Frage. Alte Erfahrungen, Enttäuschungen und Konflikte spielen automatisch mit hinein.
Doch deine Vergangenheit muss deine heutige Entscheidung nicht bestimmen.
Du arbeitest vielleicht nicht mehr in derselben Organisation. Ihr seid keine Konkurrent mehr. Du hast mehr Erfahrung, ein anderes Standing und andere Ziele. Genau deshalb darfst du eine heutige Anfrage mit dem Blick von heute bewerten.
Frag dich:
Was will ich?
Was oder wen brauche ich dafür?
Und hilft mir diese Person oder diese Anfrage dabei, mein Ziel zu erreichen?
Dann prüfe zusätzlich, was die Zusammenarbeit mit deiner Energie macht.
Vielleicht lautet deine Antwort Ja. Vielleicht Nein. Vielleicht möchtest du lediglich unverbindlich verbunden bleiben.
Alle drei Varianten sind legitim.
Wir schauen häufig viel zu lange auf die Menschen, mit denen es nicht passt – und zu wenig auf diejenigen, mit denen es wirklich gut funktioniert. Richte deshalb deine Aufmerksamkeit bewusst auf die Kontakte, die dich unterstützen, inspirieren und mit denen Zusammenarbeit tatsächlich Freude macht.
Und mach dir immer wieder bewusst: Du musst heute nicht genauso entscheiden wie vor fünf oder zehn Jahren.
Du darfst dich neu entscheiden.
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Die Erfolgstipps: So gehst du souverän mit schwierigen Kolleginnen um
In der Podcastfolge 264 erfährst du praxisnahe Tipps, wie du berufliche Kontakte aus der Vergangenheit neu bewertest und dich nicht von alten Erfahrungen zu einer automatischen Entscheidung verleiten lässt.
Hier meine wichtigsten Empfehlungen für dich:
✅ Bewerte die Situation aus deiner heutigen Rolle. Deine Position, dein Standing und der berufliche Kontext haben sich verändert. Entscheide deshalb nicht automatisch so, wie du es früher getan hättest.
✅ Nutze die drei Fragen als Entscheidungsfilter. Was will ich? Was oder wen brauche ich dafür? Hilft mir diese Anfrage, mein Ziel zu erreichen? Diese Fragen bringen dich weg von alten Emotionen und hin zu einer klaren Entscheidung.
✅ Beziehe deine Energie in die Entscheidung ein. Nicht jede finanziell oder fachlich attraktive Anfrage lohnt sich. Wenn eine Zusammenarbeit dauerhaft mehr Kraft kostet, als sie dir bringt, darf ein Nein die richtige Entscheidung sein.
Weitere (Hör-)Tipps
- Folge 261: Vernetzt statt nur verknüpft
- Folge 205: Networking und Konkurrenz
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