Emotionale Intelligenz für Juristinnen

Emotionale Intelligenz für Juristinnen: Gefühle wahrnehmen und steuern

Emotionale Intelligenz für Juristinnen ist kein Thema aus dem Coachingbereich. Es ist ein Thema für jede Juristin, die täglich mit Menschen arbeitet: mit Mandant:innen, mit Vorgesetzten, mit Kolleg:innen, mit Verhandlungspartner:innen.

Dieser Beitrag ist für alle Kolleg:innen, die verstehen wollen, warum manche Gespräche schiefgehen, obwohl man fachlich vollkommen im Recht ist. Du liest gleich, …

 

Wie Gefühle entstehen – und warum das wichtig ist

Bevor wir uns den einzelnen Kompetenzbereichen widmen, lohnt ein Blick auf das, was in uns vorgeht, wenn ein Gefühl entsteht. Denn wer versteht, wie Emotionen funktionieren, kann bewusster mit ihnen umgehen.

Wie die nachfolgende Grafik zeigt, entstehen Gefühle immer als Reaktion auf einen Reiz. Dieser kann von außen kommen, wie bspw. ein kritischer Kommentar einer Kollegin, eine unerwartete E-Mail oder ein angespanntes Gespräch. Er kann aber auch durch eigene Gedanken und Erinnerungen ausgelöst werden. Entscheidend ist: Für deinen Körper macht es keinen Unterschied, ob der Auslöser real oder nur vorgestellt ist. Er reagiert in beiden Fällen mit demselben Muster.

Auf den Reiz folgt eine körperliche Reaktion: Hormone werden ausgeschüttet, der Puls steigt und die Muskulatur wird stärker durchblutet. Erst wenn diese körperlichen Veränderungen wahrgenommen werden, entsteht das, was wir als Gefühl bezeichnen, wie zum Beispiel Ärger. Parallel dazu setzt die kognitive Bearbeitung ein: Vergleichbare Situationen aus der Vergangenheit werden abgerufen und weitere Fakten hinzugezogen. Das Ergebnis? Das Gefühl wird verstärkt, abgemildert, umgelenkt oder unterdrückt.

Genau hier liegt der entscheidende Punkt:

Du kannst nicht verhindern, dass ein Reiz eine Emotion auslöst. Was du jedoch beeinflussen kannst, ist die Wahrnehmung dieses Gefühls und seine weitere Verarbeitung.

Darin liegt der Kern emotionaler Intelligenz für Juristinnen. 

 

Emotionale Intelligenz für Juristinnen

 

 

Die 5 Bausteine emotionaler Intelligenz

Emotionale Intelligenz ist kein angeborenes Talent. Wie die nachfolgende Grafik zeigt, setzt sie sich aus fünf konkreten Kompetenzbereichen zusammen, die sich gezielt entwickeln lassen.

 

Baustein 1: Die eigenen Gefühle erkennen und verstehen

Das rechtzeitige Erkennen der eigenen Emotionen ist die Basiskompetenz und die Voraussetzung für alle weiteren Bausteine. Wer die eigenen Gefühle nicht oder erst zu spät wahrnimmt, ist ihnen ausgeliefert.

Emotionale Klarheit schützt dich außerdem vor Provokationen: Wer sich die eigenen Gefühle früh bewusst macht, lässt sich deutlich schwerer aus der Bahn werfen.

Praxisbeispiel: Du sitzt in einem Gespräch mit Mandant:innen. Eine Person provoziert. In dir steigt Ärger auf. Wenn du ihn nicht erkennst, reagierst du impulsiv und verlierst das Gesprächsziel aus den Augen. Erkennst du ihn, kannst du entscheiden: Gehe ich dem Ärger nach, oder steuere ich bewusst auf mein Ziel zu? Beides erfordert eine andere Reaktion. 

 

Baustein 2: Die eigenen Gefühle beeinflussen und regulieren

Es geht weder darum, Gefühle zu unterdrücken noch ihnen freien Lauf zu lassen. Es geht darum, sie frühzeitig zu steuern, idealerweise bevor sie zu einem bestimmten Verhalten führen.

Ein verbreiteter Irrglaube, ist, dass es gut tut, Ärger offen auszuleben. Das Gegenteil ist der Fall. Nach einem Wutanfall dauert es mehrere Stunden, bis der Körper die ausgeschütteten Stresshormone abgebaut hat. Das solltest du wissen -gerade in einem Beruf, in dem mitunter mehrere heikle Gespräche an einem Tag anfallen.

Praxisbeispiel: Du erfährst in einer Besprechung, dass ein Projekt oder bestimmte Inhalte oder Dokumente in einem Mandat ohne Rücksprache mit dir verändert wurden. Der erste Impuls ist Ärger. Verständlich. Wenn du ihn wahrnimmst, kurz innehältst und dann gezielt ansprichst, worum es dir geht, hast du deutlich mehr Handlungsspielraum. 

Emotionale Intelligenz für Juristinnen und damit die Fähigkeit, sich nach einer Aufregung selbst emotional wieder zu stabilisieren, ist ein direkter Produktivitätsfaktor und ein wirklicher Karriere-Erfolgsfaktor. 

 

Emotionale Intelligenz für Juristinnen

 

 

 

Baustein 3: Die eigenen Gefühle kommunizieren

Gefühle kommunizieren heißt nicht, in jeder Situation zu sagen, wie man sich fühlt. Es geht darum, sie angemessen – verbal und nonverbal – zum Ausdruck zu bringen. Und zwar möglichst immer dann, wenn es hilfreich ist.

Dabei spielen körpersprachliche Signale wie Stimme, Körperhaltung, Mimik oder Gestik, eine entscheidende Rolle: Stehen diese im Widerspruch zu den Worten, vertrauen wir mehr auf die Körpersprache. Gerade in (Gehalts-)Verhandlungen ist dies ein oft unterschätzter Hebel. Die Fähigkeit, Empfindungen in Worte zu fassen, ist deshalb wesentlich für dich als Anwältin bzw. Juristin. 

Praxisbeispiel: Du bist zu Unrecht benachteiligt worden und schluckst den Ärger herunter. Deine Kollegin weiß nicht, dass sie eine Grenze überschritten hat – und tut es beim nächsten Mal wieder. Eine ruhige, klare Ich-Botschaft hätte die Situation auflösen können. Ohne Drama, ohne Eskalation.

 

Baustein 4: Die Gefühle anderer erkennen und verstehen

Empathie ist mehr als Körpersprache der anderen zu lesen. Es geht darum, einen echten Perspektivwechsel vorzunehmen: nicht nur „Wie würde ich mich fühlen?“, sondern „Nach allem, was ich über mein Gegenüber weiß: wie wird sie sich in dieser Situation fühlen?“ Je besser dir das gelingt, desto eher findest du tragfähige Lösungen.

Praxisbeispiel: Du betrittst das Büro einer Kollegin und fragst: „Störe ich?“ Sie sagt: „Nein, komm rein.“ Und trotzdem hast du das Gefühl, nicht willkommen zu sein. Was du wahrnimmst, ist das nahezu reglose Gesicht – ein körpersprachliches Signal, das den Worten widerspricht.

Dieses Wissen und die Bewusstheit über die Gefühle anderer verändert, wie du die jeweilige Situation einschätzt und entsprechend reagierst. Wer als Anwältin oder Unternehmensjuristin versteht, was die Mandant:innen oder Projektpartner:innen jenseits juristischer Fragestellungen umtreibt, berät zielführender und damit besser. 

 

Baustein 5: Die Gefühle anderer beeinflussen und regulieren

Dieser Baustein setzt alle anderen voraus. Konstruktiv auf die Gefühle anderer einzuwirken bedeutet: aufgeregte Gespräche beruhigen, ängstliche Kolleg:innen ermutigen, festgefahrene Situationen deeskalieren.

Praxisbeispiel: Zwei Kolleg:innen diskutieren seit Tagen über die Zuständigkeit in einem Mandat, ohne Lösung. Wer sagt: „Ich habe den Eindruck, dass sich beide Seiten übergangen fühlen – stimmt das?“ – nimmt den Druck heraus, ohne eine Seite zu bewerten, und öffnet einen Raum, der sachliche Lösungen erst möglich macht.

 

Emotionale Intelligenz für Juristinnen

 

Was „emotionale Intelligenz für Juristinnen“ mit deiner Karriere zu tun hat

Emotionale Intelligenz ist kein Gegenentwurf zur juristischen Expertise. Sie ist eine Haltung und damit eine wirkungsvolle Ergänzung von juristischem Know-how. 

Wer als Anwältin oder Unternehmensjuristin Gefühle für nebensächlich oder gar irrelevant hält, wird sie nicht als Informationsquelle nutzen (können). Nicht umsonst ist das Ideal eines kühlen, rationalen Kopfs bei vielen Jurist:innen tief verankert, die eigentlich auch emotional intelligent sind. 

Wenn du jedoch bereit bist, Gefühle als valide Signale zu betrachten, die Orientierung geben und über Entscheidungen informieren bzw. diese ermöglichen, erweiterst du deinen Aktionsradius enorm. Du zeigst mit emotionaler Intelligenz deine professionelle Reife, keine Schwäche. 

Die fünf Bausteine lassen sich nicht von heute auf morgen entwickeln – aber sie lassen sich mit Blick auf wiederkehrende Muster bei dir selbst und bei anderen auf- und ausbauen. Unser Gehirn ist ein bewegliches Organ: Wann immer wir etwas Neues erfahren, entstehen neue Nervenverbindungen.

 


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Emotionale Intelligenz für Juristinnen und beruflicher Erfolg

Emotionale Intelligenz allein macht noch keine erfolgreiche Karriere. Dennoch beeinflussen Emotionen, wie wir handeln und entscheiden und zwar, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.

In der modernen Arbeitswelt, die zunehmend von Teamarbeit, interdisziplinären Projekten und Führungsverantwortung geprägt ist, gehört emotionale Kompetenz zu den gefragten Eigenschaften. Das gilt insbesondere auch und gerade in juristischen Berufen, was für dich sicher keine Überraschung ist. Wer als Anwältin ein Team führt, als Syndikusanwältin intern fachlichen Einfluss ohne formale Autorität ausübt oder als Nachwuchsjuristin Gespräche mit Mandant:innen oder Kolleg:innen führt, braucht mehr als juristische Fachkompetenz.

Wer als Juristin den Einfluss von emotionaler Intelligenz kennt und diesen bewusst für sich selbst sowie mit Blick auf andere nutzt, trifft bessere Entscheidungen, gestaltet Beziehungen tragfähiger und bleibt auch in belastenden Situationen handlungsfähig.

 

Meine persönliche Empfehlung: Starte mit Baustein 1

Nimm dir nach dem Lesen dieses Artikels oder auch heute Abend zehn Minuten und schau auf deinen Tag zurück. Gab es eine Situation, in der du deutlich (über-)emotional reagiert hast? Hast du dieses Gefühl bewusst in dem betreffenden Moment wahrgenommen – oder erst im Nachhinein? Was hat es dir über die jeweilige Situation bzw. über die Person, mit der du zu tun hattest, gesagt?

Das ist der erste Schritt: Gefühle als Orientierungshilfe wahrnehmen, nicht als Störfaktor behandeln.

 

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