Du bist eine ambitionierte Juristin, hast das Jurastudium mit gutem Ergebnis abgeschlossen und bist seit Jahren in einem anspruchsvollen Arbeitsumfeld (Kanzlei oder Unternehmen) tätig. Trotzdem meldet sich da regelmäßig diese leise, nagende Stimme: „Irgendwann werden die anderen merken, dass ich gar nicht so gut bin, wie sie denken.“
Dieses Gefühl hat einen Namen: Imposter-Syndrom. Und ist zugleich ein Phänomen, das Juristinnen besonders häufig betrifft. Weil das juristische Arbeitsumfeld dafür geradezu prädestiniert ist: hoher Leistungsdruck, unsichtbare Vergleichsmaßstäbe, wenig Raum für Fehler und eine noch immer sehr männlich geprägte Berufskultur, die Stärke belohnt und Zweifel lieber für sich behält.
Was gegen das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein, wirklich hilft, ist weder mehr Leistung noch das Unterdrücken der Zweifel – sondern ein grundlegend anderer Umgang mit dir selbst. Zwei Ansätze sind dabei besonders wirksam: Selbstzweifel nüchtern betrachten und die innere Selbstkritik durch etwas Wirksameres ersetzen – durch Mitgefühl.
Selbstzweifel gehören dazu – auch bei Kompetenz
Eines der hartnäckigsten Missverständnisse im Imposter-Syndrom lautet: Wer wirklich kompetent ist, zweifelt nicht. Und weil du als Juristin trotz aller Qualifikation und Berufserfahrung manchmal oder auch regelmäßig an deiner Expertise zweifelst, kann mit dir irgendwas nicht stimmen.
Das ist falsch. Selbstzweifel sind kein Zeichen von Inkompetenz – sie sind ein evolutionär verankerter Schutzmechanismus. Ein gewisses Maß an Unsicherheit hält uns wachsam, lässt uns Entscheidungen prüfen und offen fürs Lernen bleiben. Das Ausmaß variiert je nach Situation, Stimmung und Kontext – bei allen Menschen.
Das Problem beim Imposter-Syndrom ist nicht das Zweifeln selbst, sondern die Interpretation:
Du schließt aus dem Gefühl der Unsicherheit, dass du eine Hochstaplerin bist – statt zu erkennen, dass dieses Gefühl schlicht dazugehört, wenn man etwas Wichtiges, Neues oder Herausforderndes tut.
Ein Beispiel aus der Praxis: Karin, eine Anwältin, beobachtete ihren Chef jahrelang in Besprechungen – immer souverän, immer sicher. Erst als sie als Counsel mit ihm enger zusammenarbeitete, merkte sie: Nach einem umfangreichen Pitch fragte er mitunter nach, wie er rübergekommen sei. Die Unerschütterlichkeit war nur Fassade – dahinter steckte ein Mensch, der ebenfalls Unsicherheit kannte. Das beruhigte Karin. Sie erkannte: Man kann als Jurist:in die Sache gut machen, ohne sich immer so zu fühlen.
Kurz zusammengefasst:
- Unsicherheit macht dich nicht zur Hochstaplerin – sie macht dich menschlich.
- Auch die Kolleg:innen, die im Meeting so souverän wirken, kennen diese Momente – sie zeigen sie nur nicht.
- In kleinen Dosen sind Selbstzweifel sogar nützlich: Sie schärfen den Blick, fördern Sorgfalt und treiben Entwicklung an.

Der blinde Fleck: Selbstkritik als Motivator
Viele Juristinnen sind hiervon überzeugt: „Ohne inneren Druck werde ich nachlässig. Selbstkritik hält mich auf Trab. Wenn ich aufhöre, streng mit mir zu sein, sinken die Standards.“
Diese Überzeugung ist verbreitet – und sie ist falsch. Die Realität sieht anders aus: Selbstkritik erhöht das Risiko für Stress und Angst. Sie senkt die Effektivität bei der Umsetzung von Vorhaben und hindert daran, aus Fehlern zu lernen. Statt zu motivieren, lähmt sie.
Was passiert konkret? Du analysierst nach einer Besprechung stundenlang, was die Mandant:innen noch besser überzeug hätte. Du liest eine E-Mail dreimal, obwohl du sie mit so viel Sorgfalt wie möglich erstellt hast. Du kannst einen gelungenen Auftritt vor Gericht oder anderem Publikum nicht genießen, weil du danach direkt zur Manöverkritik übergehst. Das kostet enorme Energie – ohne Mehrwert.
Das Entscheidende: Wenn du aufhörst, dich ständig selbst zu kritisieren, wirst du nicht automatisch nachlässiger. Du bist ehrgeizig, verantwortungsbewusst und gewissenhaft – nicht weil dich deine innere Kritikerin antreibt, sondern weil das deine Art als Juristin ist. Diese Eigenschaften verschwinden nicht, wenn du netter mit dir selbst umgehst.
Mitgefühl: Das wirksame Gegenmittel
Mitgefühl klingt zunächst nach Wellness-Programm – hat aber mit Selbstmitleid oder Nachsicht nichts zu tun. Die Psychologin Dr. Kristin Neff, eine der führenden Forscherinnen auf diesem Gebiet, beschreibt in ihrem Buch Selbstmitgefühl als die Fähigkeit, sich selbst in schwierigen Momenten so zu begegnen, wie man es bei einer guten Freundin machen würde: ohne Urteil, mit echtem Verständnis für das Erlebte – und trotzdem handlungsorientiert.
Konkret bedeutet das: Du erkennst, dass du gerade unter Druck stehst oder dir unsicher bist – ohne daraus sofort eine Bewertung deiner Expertise oder Kompetenz zu machen. Du weißt, dass das, was du erlebst, nicht nur dich betrifft, sondern dein Teil menschlicher Erfahrung ist.
Idealerweise reagierst du mit Mitgefühl statt mit einem Trommelfeuer innerer Kritik.
Was das bringt, ist empirisch gut belegt: Menschen, die Mitgefühl für sich entwickeln, sind psychisch widerstandsfähiger, entwickeln Resilienz und erholen sich schneller von Rückschlägen bzw. lernen besser aus ihren Fehlern und setzen ihre Vorhaben mit größerer Ausdauer um. Nicht trotz des freundlicheren Umgangs mit sich, sondern wegen ihm.
Ein konkretes Bild: Stell dir vor, eine Kollegin erzählt dir nach einer schwierigen Verhandlung, sie sei mit ihrer Leistung unzufrieden. Du würdest ihr kaum sagen: „Das war wirklich schlecht, du hättest besser vorbereitet sein müssen.“ Du würdest zuhören, einordnen helfen und sie ermutigen. Genau diese Haltung – dir selbst gegenüber – ist Mitgefühl.

Meine Erfolgstipps: Was du beim Imposter-Syndrom konkret tun kannst
Drei Ansätze, die sich unmittelbar umsetzen lassen:
1. Nimm die innere Stimme wahr – und hinterfrage sie
Wenn du bemerkst, dass du dich innerlich schon wieder kritisierst, halte kurz inne. Frage dich: Würde ich so mit einer Freundin oder Kollegin sprechen? Ist das eine hilfreiche oder eine hinderliche Stimme?
Deine Gedanken oder auch Gefühle sind keine Fakten – auch wenn sie sich noch so vertraut anfühlen.
2. Normalisiere dein Unbehagen
Unsicherheit vor einem wichtigen Termin, Zweifel beim Betreten neuen Terrains – das ist keine Schwäche, das ist normal.
Erinnere dich bewusst daran: Die anderen im Raum kennen dieses Gefühl auch, auch wenn du es ihnen nicht ansiehst.
Bildlich gesprochen: Du bist ein Schwan, der ruhig gleitet und unter der Wasseroberfläche kräftig paddelt – genau wie alle anderen.
3. Verankere deine Erfolge bewusst
Das Imposter-Syndrom lebt davon, dass positive Erfahrungen nicht verinnerlicht werden.
Gegensteuern geht so: Nimm dir nach einem gelungenen Auftritt, einer guten Entscheidung oder positivem Feedback kurz bewusst Zeit, diesen Moment anzuerkennen – statt sofort zur nächsten Aufgabe zu eilen. Was du nicht im Geiste oder besser noch in deinem Erfolgstagebuch festhältst, hinterlässt keine Spuren.
Ergänzend kann es helfen, eine Liste deiner Erfolge zu führen – nicht nur als Vorbereitung auf das nächste Personalgespräch, sondern auch als Gegenbeweis für die Stimme, die dir einredet, du seist nicht gut genug. Beförderungen, gelöste Konflikte, schwierige Verhandlungen, Momente, in denen du trotz Unsicherheit geliefert hast: All das zählt.
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Du bist keine Hochstaplerin – du bist eine von vielen
Das Imposter-Syndrom sagt nichts über deine Kompetenz aus – und nichts darüber, ob du deinen Platz verdient hast. Es ist ein Muster, das aus einem Zusammenspiel von hohen Ansprüchen, Unsicherheit und einer inneren Kritikerin entsteht – die zwar laut ist, aber keine zuverlässige Instanz.
Was langfristig hilft, ist nicht noch mehr Leistung, um die Zweifel zu übertönen, oder Prokrastination, um ihnen so noch mehr Futter zu geben. Es ist die Entscheidung, dir selbst gegenüber eine mitfühlende, liebevolle Stimme zu sein – eine, die einordnet statt urteilt, die ermutigt statt erschöpft.
Mitgefühl ist dabei kein Weichspüler. Es ist eine professionelle Haltung – dir selbst gegenüber.
Und falls du gerade denkst: „Dieses Vorgehen klingt gut, aber bei mir hat das gerade nicht funktioniert“ – das ist vermutlich genau die Stimme, über die wir gesprochen haben.
Reflexionsfragen für dich:
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Wie würdest du mit einer Kollegin sprechen, die sich nach einem schwierigen Tag genauso fühlt wie du? Und wann hast du zuletzt mit dir selbst so gesprochen?
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Welche Erfolge hast du zuletzt bewusst anerkannt – oder wieder schnell beiseitegeschoben?
- Wann hast du dir gezielt selbst zugehört – statt dich nur zu kritisieren?

Meine persönliche Empfehlung: Dein Erfolg ist kein Zufall!
Er ist das Ergebnis deiner Arbeit, deiner Entscheidungen und deiner Fähigkeiten – auch wenn das Imposter-Syndrom dir gerade etwas anderes einflüstert.
Ein erster konkreter Schritt: Nimm dir heute Abend fünf Minuten und schreib drei Dinge auf, die heute im beruflichen Umfeld oder auch privat gut gelungen sind. Nicht das Große und Spektakuläre – auch das Alltägliche zählt. Eine schwieriges Telefonat mit einem wichtigen Mandanten souverän geführt, eine Deadline trotz Druck gehalten oder eine Kollegin mit deinem Wissen weitergebracht.
Schreib es in dein Erfolgstagebuch, in deinen Kalender oder einfach auf ein Stück Papier. Lies es. Lass es gelten.
Podcast-Hörtipps
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- Folge 252: Bist du wirklich eine Hochstaplerin? Warum du deinen Erfolg kleinredest – und 3 Stellschrauben, wie du endlich aufhörst, an dir zu zweifeln
- Folge 222: Unsichtbar als Juristin war gestern (Interview mit Sarah Kind)
- Folge 203: Eigenlob stimmt! Mit diesen 9 Erfolgshebeln stärkst du dein Selbstmarketing im (Anwalts-)Beruf
Du wünschst dir persönliche Unterstützung?
Wenn du merkst, dass das Imposter-Syndrom dich schon länger begleitet und du bereit bist, das zu ändern, dann lass uns sprechen. In einem kostenfreien Strategiegespräch schauen wir gemeinsam, wo du gerade stehst und was dich wirklich weiterbringt.

